Willi Kissmer Enthüllen und Offenbaren

Fortsetzung

Die Titel von Kissmers Arbeiten sind zumeist sehr nüchtern. Einige lauten “Roter Torso” oder “das graue Hemd”. Bei diesem schlichten Titel handelt es sich um eine besonders pikante Darstellung. Die Radierung zeigt Das graue Hemd
nämlich keineswegs ein sachliches maskulines Textil, sondern den kopflosen Körper einer Frau. Das “kleine Schwarze” mit langen Armen ist aus hauch-feinem Stoff , der ohne das Darunter besonders gut zur Geltung kommt. Der knappe Saum ist hoch-geschürzt. Darunter werden über der gemusterten Strumpfhose Strumpfhalter mit dunklen Woll-strümpfen sichtbar.

In den meisten Bildern sind die Arme weitgehend, die Hände ganz ausgeblendet. Für den Betrachter liegt in diesem Verzicht eine Inszenierung von suggestiver Kraft, die die männliche Konstruktion des Weiblichen an sich und das Verhältnis Maler und Modell in Frage stellt. Warum sehen wir die Hände nicht? Hat die schöne Frau die Arme hinter den Rücken genommen? Ist die Frau in ihrer Bewegungsmöglichkeit eingechränkt? Ist der Mund, den wir nicht sehen können, mit einem Knebel gestopft? Ist der Kopf mit einem Kleidungsstück verdeckt? In der wieder-gegebenen Haltung liegt die Ambivalenz von Aktiv und Passiv, eigenem Willen und fremdbestimmtem Objekt der Begierde.


Sind die Arme nicht zu sehen, um die stolze, aufrechte Haltung der Frau zu betonen? Oder um die Brust stärker hervorzuheben? Ist die Frau in ihrer Freiheit eingeschränkt und gefesselt? Ganz wichtig scheint genauso die Frage zu sein, ob sie zum eigenen Vergnügen oder zum Vergnügen des Betrachters in dieser Lage ist. Zwar empfindet Kissmer auch die Hände seiner Lebensgefährtin Beate schön, doch läßt er sie lieber im Bild weg, um ihnen in der Bildkomposition kein optisches Übergewicht zu geben. Auch in Arbeiten anderer Künstler empfindet Kissmer gerade die Hände oft störend und nicht überzeugend verortet.

Die ausgefeilte Beherrschung der graphischen Techniken beeindruckt sogar Kollegen des Künstlers. Auch wenn es bei Künstlern internationalen Formats heute üblich ist, gerade bei der zeitaufwendigen Herstellung einer graphischen Auflage viele Aufgaben zu delegieren, macht der Künstler bis heute alles selbst. Er ätzt die Druckplatten und bereitet bis zum Andruck einer Graphik alles vor.

Neben den Graphiken entstehen schon seit langer Zeit auch Unikate in Öl oder Acryl. Da Kissmer diese Techniken nicht im Studium kennengelernt hat, suchte er den Austausch mit anderen Kollegen, um seinen künstlerischen Horizont zu erweitern. Den Maler Peter Handel, der ihn in die Technik der Ölmalerei einführte, ließ Kissmer im Gegenzug an seinen Erfahrungen der Druckgraphik teilhaben.

 

Die Gemälde Willi Kissmers entstehen nach einem ganz eigenständigen Verfahren. Zuerst widmet er sich am lebenden Modell den Draperien. Er verhüllt den Körper bevorzugt mit zeitloser Kleidung. Kissmer verwendet gern gefundene Textilien, die immer wieder Gegenstand von Serien neuer Bilder sein können.

Dabei stehen Textur und Materialästhetik der Stoffe im Vordergrund, um die Arbeiten nicht zum Spiegel kurzlebiger Modetrends zu machen. Kissmer zupft wie ein Stylist so lang an dem Faltengebilde, bis es seiner Vorstellung entspricht. Im Schwarzweiß - Foto wird das Ergebnis dann als Malvorlage dokumentiert. Die Farbe wird zumeist bestimmten Stimmungen oder der Wirklichkeit

Halbakt mit zwei Tüchern, 2000
nachempfunden, wenn die Bildidee gereift ist. Statt auf vorgefertigten Leinwänden arbeitet Kissmer auf einem selbstkonstruierten Bildträger; einer mit Papier kaschierten Tischlerplatte.

In der Ölmalerei hat Kissmer eine Technik gefunden, die es ihm besonders gut erlaubt, ins Detail zu gehen und die glatte Oberfläche der Haut darzustellen. Da Kissmer nicht an mehreren Bildern zugleich arbeitet, die Ölfarbe aber nur langsam trocknet, versucht er seine Darstellungen in Tagwerken zu erarbeiten. Einzelne Partien der Torsi oder der Frauen mit Tüchern können über Nacht trocknen, um sie am Tag darauf überarbeiten zu können.

Faltengebirge 1993

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