Willi Kissmer Enthüllen und Offenbaren
Fortsetzung

Besonders eindrucksvoll ist die Arbeit “das rote Hemd”. Der Oberkörper wird wie in einem Guckkasten mit einem roten Vorhang inszeniert. Die Körperformen treten durch die theaterhafte Inszenierung deutlich hervor, die auch Max Ernst oder Magritte geschätzt haben. Die Bilder Willi Kissmers spiegeln die Harmonie des Menschen mit sich selbst und vereinen Im roten Hemd
naturalistisches Körperbild und surreale Tendenzen. Willi Kissmer gelingt es in seinen Bildern die Akte still und gleichzeitig wie vom Rhythmus ergriffen, aktiv erscheinen zu lassen.

In anderen Bilderserien hat Kissmer auf die liebgewonnene Hauptfigur verzichtet, gleichwohl ist das Thema des Ausschnitts wichtig. Hier tritt der Maler als eine Art “Kulturfolger” in Erscheinung und zeigt menschenleere Räume mit Relikten menschlicher Existenz. Ein Acrylbild heißt “Ein Tag in Karlsbad”, und ist 1993 während eines Aufenthaltes in einer historischen Villa entstanden. Die vorgefundene Balkonsituation ist von einer geradezu unwirklich perfekten Romantik. Wie im Fotografenstudio der Jahrhundertwende finden sich hier die Balustrade und die obligate Säule. Vor einigen Blumen lädt ein Korbstuhl dazu ein, sich vor dieser Kulisse ablichten zu lassen.

 


An Stelle einer Person liegt wie zufällig eine Decke. Das Spiel der Falten im Textil, Schwerkraft und Knitterspuren leiten ein schier unerschöpfliches Thema ein. In einem anderen Bild einer Reihe von 1991, einem “Tag in Wiesbaden” ist im Winkel eines gegebenen Interieurs ein Tuch aufgehängt.

In Bildern von Faltenbahnen wird aber nicht allein die Schwerkraft sichtbar, in seinen Bildern von Tüchern und Stoffen hat Willi Kissmer eine poetische Möglichkeit gefunden, im Zustand der Dinge ein intimes Bild der Wirklichkeit zu geben. Faltenwurf und Knitter erzählen von Zeit und Vergänglichkeit und entfalten für den Betrachter in unerschöpflicher Vielfalt meditative Stimmungslandschaften. Auch in der Darstellung der Tücher schneidet Kissmer seine Bildobjekte genauso an, wie bei den Körpern, deren Konturen auch unter den Tüchern sichtbar werden können.

Sein Motiv gibt er am liebsten fast unbekleidet wieder. Körper ohne Kleidung sind eine Alltags-erfahrung, zudem zeigen sie sich in der Öffentlichkeit reproduziert in Illustrierten und auf Plakaten. Hier treten sie nackt im Dienst der Werbung auf, interessanterweise oft sogar für Kleidung. Eine Prise Provokation macht die Models zum Hingucker am Rande der Pornografie und des rein männlichen Blickwinkels.

Der wesentliche Unterschied zwischen “nackt” und “unbekleidet” wird deutlich, wenn man die Arbeiten Willi Kissmers betrachtet. Kissmer stellt den Akt, den unbekleideten Körper dar, er betont die Formen der Figur durch seine Draperien. Von Stoffen um- und verhüllte Körper sind in ihrer lasziven

 

Delikatesse und dezenten Erotik zu entdecken. Erotik und Kunst gehen in der Darstellung des “Aktes” eine selbstverständliche Allianz ein.

Die Akte sind still inszeniert.

Die Bildformate sind so gewählt, daß der Kopf nur angeschnitten wird. Diese Beschränkung auf den Torso hat zur Folge, daß ein Körper ohne Gesicht anonymisiert und daher zeitlos wirkt, desgleichen werden die Formen des körperlichen Zentrums herausgestellt.

Die Bilder Willi Kissmers spiegeln die Harmonie des Menschen mit sich selbst und machen den Betrachter sensibel, die Motive für sich zu entdecken. Zugleich sind sie prominente Vertreter realistischer, körperbezogener Kunst mit surrealen Tendenzen. Willi Kissmer gelingt es in seinen Bildern, die Akte still und gleichzeitig wie vom Rhythmus ergriffen, aktiv erscheinen zu lassen.

Draperie 1998

Colmar Schulte-Goltz, Bochum
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